Die Belagerung Sarajevos

Wie ich in meinem letzten Post erwähnte ist Sarajevo eine sehr besondere Stadt, und bevor ich euch mit ein paar traurigen Fakten vertraut mache, führe ich euch ein bisschen durch die Geschichte des Landes (angeschnitten) und die Zeit des Balkankrieges 1992-1995.  Warum ist das so wichtig? Weil es die Ursprünge der Stadt gut erklärt und die Gegebenheiten und Stile der Stadt in einen Kontext bringt.

Ganz grob kann man sagen, dass der heutige Balkan zur Hälfte unter dem Osmanischen Reich (Bosnien sowie das Herzogtum Herzegowina) und zur anderen Hälfte unter Österreich-Ungarn (nördliches Kroatien, Slowenien und den nördlichen Teil Serbiens) aufgeteilt war. Die Schwäche und der Untergang des Osmanischen Reiches führte im späten 19. Jh. zur Einverleibung Bosnien Herzegowinas durch Österreich-Ungarn. Diese Situation änderte sich mit Beginn des 1. Weltkrieges, den Österreich-Ungarn nicht nur verlor, sondern dessen Integrität und Unabhängigkeitsbestrebungen Ungarns, verloren ging. Die Doppelmonarchie zerbrach und Bosnien Herzegowina ging im Königreich Jugoslawien auf, bis während des 2. Weltkrieges der spätere Autokrat Tito (ein ehemaliger Partisan im Krieg) die Macht ergriff und den blockfreien Staat Jugoslawien gründete. Unter Titos Herrschaft waren die Länder vereint, Minderheiten geschützt und der ganze Balkan wurde mit harter Hand zusammengehalten.

Mit dem Ende des kalten Krieges und dem Tod Titos wurden Unabhängigkeitsbestrebungen der einzelnen Teilrepubliken bzw. ethnischen Gruppen immer stärker. Bosnien Herzegowina war in Jugoslawien industrielles Zentrum und deshalb auch im Kampf um die Neubildung der Folgestaaten ein stark umkämpftes Gebiet. Hinzu kam die jahrhundertelange Zughörigkeit zum Osmanischen Reich, welches den Islam direkt nach Europa brachte. Im Norden des Landes lebten aufgrund der geografischen Lage viele ethnische Serben, im Westen Kroaten und im Süden teils Albaner und andere Minderheiten. Aufgrund seiner strategischen und wirtschaftlichen Bedeutung war speziell Sarajevo ein stark umkämpftes Gebiet und von Nordosten eroberten serbische Truppen und deren Verbündete große Teile Bosniens. Aufgrund der starken ethischen Durchmischung und Spannungen kam es rasch zu grausamen Massakern, insbesondere gegen die männliche muslimische Zivilbevölkerung wie z.B. in Srebrenica bei der ca. 8000 Menschen ermordet wurden.

1995 nach fast 4 Jahren Bürgerkrieg intervenierte eine internationale Koalition unter Federführung der USA und zwang durch strategisches Bombardement alle Verhandlungspartner an einen Tisch, ein Zwangsfrieden wurde auferlegt, das Dayton-Abkommen wurde geboren und die Staaten formten sich in ihrer jetzigen Form. Durch den Frieden haben sich leider bis heute und in die jetzige Generation eben diese Spannungen weitergegeben, sodass selbst im Jahre 2018 nicht von einer dauerhaft stabilen Situation geredet werden kann und die UN weiterhin dazu veranlasst, internationale Truppen im Land zu belassen. Dies kurz zur Historie um die Situation in Sarajevo zu erklären.

Sarajevo konnte nie von serbischen Truppen eingenommen werden, wurde stattdessen fast 4 Jahre lang belagert und bombardiert. Am westlichen Ende der Stadt (Sarajevo liegt langezogen von Ost nach West in einem von Bergen umgebenen Tal) befindet sich der internationale Flughafen, der während dieser Zeit von der UN gehalten wurde, somit war die Stadt komplett umzingelt und nur ein einziger ca. 800m langer, gegrabener Tunnel unter dem Flughafen versorgte die Stadt mit Kriegsgerät und sonstigen Gütern, die nicht von der UN eingeflogen wurden.

Sarajevo hatte im Jahr 1992 ca. 550.000 Einwohner, die sich nach 1995 auf ca. 350.000 reduzierte. Während der über 40-monatigen Belagerung kamen ca. 11.500 Menschen in der Stadt ums Leben, ca. 35-40.000 wurden schwer verletzt. Unter den 11.500 Todesopfern befanden sich ca. 1.200 Kinder. Die Verteidiger der Stadt hatten im Gegensatz zur belagernden Armee praktisch keinerlei schwere Waffen zur Verfügung, trotzdem wurden während dieser Zeit ca. 500-600.000 Granaten oder Raketen auf Sarajevo abgefeuert, im Schnitt 3770 am Tag!

Statistisch gesehen wurden von den ca. 86.000 in der Stadt lebenden Kindern 40% von Scharfschützen min. einmal beschossen. Die ungefähr 10km lange Hauptstraße, die sich von Ost nach West durch die Stadt zieht, wurden deshalb auch „Sniper Alley“ genannt, die Stadt brannte fast völlig aus ca. 95% aller Gebäude der Stadt wiesen Einschusslöcher oder Granateinschläge auf. Auch heute sind diese Spuren noch deutlich an vielen Hochhäusern sichtbar und thronen als warnendes Mahnmal über den Bürgern der Stadt. Ein Gebäude in der Dzemala Bijedica Straße, neben einer Tankstelle fiel mir dabei besonders ins Auge.Leider hat das Gebäude keinen Namen, aber im Gegensatz zum bekannten Holiday Inn Hotel, ist dieses Gebäude noch im Ursprungszustand und langsam dem Verfall preisgeben. Deutlich kann man die Kampfspuren an der Fassade und in den Wänden im Gebäude sehen, es war ein einzigartiges, wenn auch erschreckendes Erlebnis dieses Gebäude erkundet zu haben.